Wolfgang Buchhorn                         Oeynhausener Str. 5                          32 602 Vlotho
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E i n l a d u n g 
 
zu einem Meditationsseminar

 
Liebe Meditationsinteressierte,
 
das nächste Meditationsseminar findet vom 5. -7. April 2019 statt. Ort ist das Tagungshaus Einschlingen in Bielefeld-Quelle, Schlingenstr. 65. Unser Thema lautet

 
 H a l t u n g e n
 
In einem Meditationsseminar über Haltungen geht es natürlich nicht nur um eine Körperhaltung, sondern auch um HALTUNGEN dem Leben gegenüber aus der heraus ich handle, denke, entscheide, lebe und die mich trägt und prägt.
"Wie bin ich der/die geworden, der/der ich jetzt bin?" ist eine der zentralen und spannenden Fragen, denn die prägenden, scheinbar vergessenen Ereignisse meines Lebens sind jetzt wirksam. Gerade jetzt. Und wirken auf die Gestaltung meines Lebens. Jetzt. Daraus entsteht eine weitere Frage, vielleicht die wichtigste: ist mein Leben ein wahrlich gutes Leben ?

Um die augenblickliche Wirklichkeit wirklich, d.h. wirksam wahrzunehmen, sie zu fühlen, zu spüren: in uns, in der Beziehung zum "Außen" und in den Beziehungen dazwischen bedarf es einer Haltung, die offen ist für neue, auch ungewohnte Wahrnehmungen. Haltung hat etwas mit Hingabe zu tun; auch ist sie eine Zu-Mutung. So wird sie nach und nach zum "roten Faden" in meinem dann unver-wechselbaren Leben. Mute ich sie mir zu  -wie alles, was ich mir zumute-, ist sie ein wichtiger Schritt zur Selbstliebe.

 
In der Haltung als Hingabe an die Mannigfaltigkeit an Welten und Wirklichkeiten liegt die Chance einer weltoffenen Erfahrung. Sie öffnet mich, dass ich auch und gerade an Fremdem und am Fremden wachsen kann; nicht zuletzt wurzelt dort die eigene unverletzbare Würde als einzigartiger Mensch. 

Du bist herzlich eingeladen und wenn Du jemanden kennst, der/die auch Interesse an diesem Bewusstseinsprozess hat, gib die Einladung bitte weiter. Wenn Du teilnehmen möchtest, überweise Deinen Seminarbeitrag inkl. Unterkunft und vier Mahlzeiten in Höhe von € 175 (Normalpreis) bis € 125,- (ermäßigter Beitrag für Geringverdienende und Studenten) auf das Konto der STÄTTE DER BEGEGNUNG bei der Sparkasse Herford   IBAN DE 77 4945 0120 0250  0017 73   Stichwort ist: Seminar 5. –  7.April 2019.
Wie üblich sind die Plätze begrenzt, so gilt: wer zuerst malt, malt am besten. Du kannst Dich auch verbindlich per mail anmelden, ansonsten gilt Deine Überweisung als feste Reservierung.

Bringe bitte lockere Kleidung und festes Schuhwerk mit sowie Bettwäsche (sonst gegen Leihgebühr) und ggfls. Dein Tagebuch. Das Seminar beginnt am Freitag, 5. April 2019 mit dem Abendessen um 18.3o Uhr und endet am Sonntag nach dem sicher sehr guten Mittagessen gegen 14.3o Uhr, nach der Abschlussrunde.



Ich wünsche Dir eine ruhige Zeit und eine frühlingshafte Anreise.
Dein

Wolfgang





 
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Wolfgang Buchhorn
Mitte Dezember 2018

 

      Jahresbrief 2018 – 2019

 - Eine Selbsterkundung –
 
Leben ist ein Spielen
Von Kräften,
die keiner berührt,
der nicht kniet und bewundert
 Rainer Maria Rilke

Hallo zusammen, 
„die Welt ist aus den Fugen“, heißt es bei Shakespeare im Hamlet und daran hat sich nichts geändert, scheint mir. Es fällt mir schwer mit Hölderlin glaubwürdig zu ant-worten: „wo Gefahr ist, ist das Rettende nah“ ... wenn es doch so wäre! Und schon stellt sich –mit Goethe- ein Wort zur rechten Zeit sich ein: Sinn und Glaubwürdigkeit. Was oder wer ist heute noch glaubwürdig? Was ist der Sinn?
Mit Worten lässt sich trefflich streiten, deswegen verzichtet Zen auf das Wort und bleibt im Schweigen, in der Stille. Doch können wir Stille erleben? Auf einer meiner diesjährigen Frankreichfahrten, auf einen kleinen Campingplatz, nur eine Wiese mit einigen schattenspenden Bäumen in Burgund, erlebte ich sie am frühen Morgen wie nie zuvor. Der einsame Ruf eines Vogels in weiter Ferne machte sie mir deutlich, die Antwort der Taube über mir vertiefte sie noch einmal, umfing mich und ich wagte kaum meinen Café crème abzustellen, um sie nicht zu zerstören. Da war nicht nur Stille, da war auch Weite und vor allem: die Stille kannte keine Zeit. Und gleichzeitig fragt sie: was ist Leben?
Was bedeutet es für dich, auf und in dieser Welt zu sein? Die Stille ist eine Offenheit, die vor jeder Spaltung von Subjekt und Objekt ihren Ort hat. Viele meiner Erfahrungen bestätigten mir: es gibt eine wirkende Wirklichkeit jenseits der Physik und Mathematik, wohin keine rechnende Wissenschaft reicht.

Die Frage „Was bedeutet es für mich auf und in dieser Welt zu sein?“ war ein wichtiges, mich veränderndes Geschenk in diesem Jahr, das in mich aus der Stille „hineinfiel“. Was mich durchströmte war Dankbarkeit. Dankbar, dass ich lebe und dankbar, dass ich mit anderen Menschen hier leben darf; das sie dazu beitrugen und beitragen, der zu sein, der ich bin. Gerade jetzt, gerade hier. „Liebe wandelt die Dankbarkeit in die Treue zu uns selbst und in den unbedingten Glauben an den Anderen. So steigert die Liebe ständig ihr eigenes Geheimnis.“ ( Heidegger)

Geburtstage bieten den Anlass zur Rückschau. Mit der Frage „wie bin ich der ge-worden, der ich jetzt bin?“ tauchte mein längst ab acta gelegtes Ausscheiden aus der Bundeswehr auf. Dabei wurde mir deutlich, dass sich darin eine Haltung zeigte, aus der heraus ich entschied. Da ich darin kein Vorbild, keine Unterstützung hatte und den Preis nicht kannte, dennoch das Wagnis einging, kam die Frage: Woher kam der Mut? Woher kommen überhaupt die Werte, die sich im Entschluss zeigen? Sind sie alle erlernt? Resultat von Erfahrungen? Machen sie die Würde aus? Gehören sie zur Grundausstattung eines jeden Menschen? Ich vermute, sie gehören zu uns als Lebe-wesen, das unter dem Anspruch lebt: „ich möchte das Leben verstehen!“

Schon in der Beschäftigung mit den Naziverbrechen fragte ich mich, ob es möglich ist, auszublenden, was man bei sich und im Opfer anrichtet, wenn man Unrecht tut, kriminell wird. Im Laufe der JVA-Arbeit begriff ich –zähnrknirschend-: ja, es geht. Und es geht leichter, je weniger ich mir lebendige Beziehungen zur Welt erlaube, je geringer mein Eingebundensein ist, je entfremdeter ich mir bin und mir selber nicht treu und zur Selbstkritik nicht fähig bin. Dies resultiert auch aus erfahrener sozialer Demütigung. Der Preis ist hoch: Selbstverleugnung und vor allem Angst vor der ziemlich gewissen Zukunft zu den „Überflüssigen“  zu gehören. Die „gilets jaunes“ in Frankreich gehören dazu wie die Terroristen. Sie sind Ergebnis der nicht gewollten und deshalb gescheiterten Integration; die Rückwendung zum Islam ist dabei oft nur eine Sehnsucht nach Halt, die Radikalisierung der letzte Schritt auf einer aus unserer Sicht verquasten Sinnsuche.

Was ist ein Mensch, wenn er glaubt, dass er persönlich keine Verantwortung für sein Tun zu übernehmen braucht, weil das System, die Gewohnheit, die Clique, die Wut ihn bestimmt und er einwilligt, Objekt zu sein? Als Objekt mache ich mich zum Opfer. Gerade damit ist meine Freiheit und meine Würde gefährdet. Wie gehe ich also mit Welt und mit mir darin um? mit meiner Freiheit? mit meinen erworbenen neuronalen Netzwerken? Wie kann ich mir treu bleiben?

Das Verharren in gewissensarmer Gewohnheit macht Feige aus uns allen und ebenso die Unfähigkeit zur Selbstkritik und zum Widerstand gegen den mainstream. Konkret: der Chor der Kritiker des Merkel-satzes „wir schaffen das!“ ist endlos und groß. Ich möchte mir aber den Stolz auf ihre Entscheidung zur Aufnahme von Asylsuchen nicht ausreden lassen; auch mich nicht entmutigen durch die resignative, lähmende “wir-schaffen-das-nicht-Haltung“ wie es rechte CDU-Gruppen und die AfD ständig wiederkäuen. Merkels Haltung stimmt mit der Allg. Erklärung der Menschenrechte überein und gehört zum Bestand „abendländischer Kultur.“ „Ich schaffe das!“ macht Mut und fordert mich und die Politik.
 
„Wahrheit ist, was verbindet“ (Jaspers) war eine wiederaufgetauchte Aussage aus meinem Studium. Im Gespräch, im Austausch mit anderen konstituieren sich Menschen als verschieden und doch gleich, vielfältig. Und einzigartig. Erst durch das „Du“ bekommt das „Ich“ einen weiten Horizont. Darin gilt es, sich zu verwurzeln: im Denken, im Nachdenken, im Nachspüren, auch den Ideen auf den Grund gehen, was ich mit dem Leben anfange. Freiheit und Denken entsteht im Überschreiten, zumindest im Wahrnehmen seiner Bedingungen, Abhängigkeiten, inkl. der eigenen Ängste, Nöte und Sehnsüchte. In der Anerkennung dessen wächst Selbstvertrauen. „Die innere Zwiesprache mit sich selbst ist Denken“, sagte Hannah Arendt. Ich möchte ergänzen: „Daher kommt die Gewissensbildung und schafft eine Haltung aus der heraus ich lebe“. Jede Haltung hat einen Preis, sie wendet sich gegen die Gewöhnung, Anpassung. Darin zeigt sich Glaubwürdigkeit – nicht als fester Besitz, sondern als immer neu zu erwerbende Möglichkeit, in Treue zu sich selbst zu bleiben oder wieder zu ihr zurückzukehren. Treue als eine Grundhaltung. Woher kommt sie? Woraus besteht die Treue zu sich? Im sinnerfüllten Tun glaubwürdig zu sein. Doch wer bin ich, wem bin ich treu? Was ist Sinn für mich?
 
Das Gehirn kennt nur den Zustand des JETZT und speichert deshalb kein Erlebnis, sondern „nur“ meine emotionale Reaktion in den sich dadurch bildenden neuronalen Netzwerken. So bestimmt die Gegenwart die Wirkung der Vergangenheiten. Die unwillkürlichen Reaktionen erzeugen im Hirn Muster, die zu Filtern aus Bewertungen werden, die mir zuweisen, die Welt, die anderen, auch mich selber nur noch durch sie hindurch wahrzunehmen. Das so gefiltert Wahrgenommene wird nach und nach mein Selbst- und Weltbild. Kein Wunder, dass wir im Selbstbetrug leben. Wie ich mehrfach in diesem Jahr erfahren konnte, ist dies kein Schicksal, denn ich kann die „belastenden“ Reaktionen durch andere „entlastende“ ergänzen und somit mein Gehirn ins Gleichgewicht zurückbringen.

In den JVA-Seminaren konnten so mehrere Jugendliche ihr erlittenes Trauma, ihre Depressionen, Ängste aufheben, zumindest mildern (das hängt vor allem von der Intensität des Übens ab). Die dabei erlebte Stärkung des Selbstwertgefühls erlaubt die Opferrolle zu verlassen. Mir verhalf die Kenntnis dieser Zusammenhänge mein Sodbrennen hinter mir zu lassen, das mich seit der Schülerzeit plagte.
 
Wieder zurück nach Frankreich. „Ich bin auch hier“, hatte mir „das Leben“  (oder war es die Stille?) in der Kathedrale von Nevers  signalisiert  -mich zunächst verwundert. War es eine Art innerer Offenbarung über das Leben, das ich ja verstehen wollte?. Gleichzeitig ist die Komplexität der Welt, des Lebens, für uns nicht zu durchschauen. Ist es verstehen zu wollen dann nicht eine Anmaßung? Doch was heißt überhaupt „verstehen“? Ein erster Impuls besänftigte mich: nein, nicht verstehen, um es zu beherrschen, sondern als Auftrag, mich zu fragen: was mache ich daraus, wenn ich es schon mal geschenkt bekommen habe?
 
„Reduktion von Komplexität“ war das Stichwort von N. Luhmam im Umgang mit Welt, doch darf die Reduktion nicht zu fake-news-Welten und Verschwörungstheorien ver-kommen: frei nach einem Präsidenten: „Ich fantasiere etwas, also ist es so“. Im Verstehen ist auch der Verstand gefragt. Wer sich keiner pluralen und kritischen Öffentlichkeit stellt, sondern es sich im Kokon eines eng auf ihn zugeschnittenen Weltausschnitts bequem einrichtet, verliert Freiheit zugunsten von Angst und verwechselt Meinungen mit Tatsachen. Abbruch oder Leugnung von Beziehungen ist politisch fatal, menschlich tragisch.
 
Es gibt keine Nicht-Beziehung, niemand kann aus der Welt aussteigen, nicht einmal aus seinem Atem, der ihn mit der Welt unerbittlich verbindet und ihn am Leben hält. Das Ausblenden der eigenen Gefühle, des Anderen, der Welt als Arbeit, des Wahnsinns, des Sterbens ... ist ein Entschluss, für den ich Verantwortung trage. Erschreckt lese ich: jeden dritten Tag tötet ein Deutscher seine Partnerin/Ex-Partner-in. Die Gewalt der Drogen- und Alkoholkonsum hat ehrlich zu erfragende Gründe. Auch die sollten nicht ausgeblendet werden. Niemand wird als Gewalttäter oder Drogen-konsument geboren.
 
Es gibt keine einzelnen Krisen mehr (falls es die je gab), sondern nur zusammenhängende Krisenlandschaften, deutlich beim Klima, beim Insektensterben, der Migration. „Alles hängt mit allem zusammen“, wissen wir seit Buddha. Dürfen wir uns eine kognitive Blindheit leisten, die das kriminelle Verhalten von Industrie und Wirtschaft fördert, toleriert und so zum Mittäter wird?
 
Wird auf die Rückkehr zum Nationalismus -wie der Brexit- , also auf Ab- und Aus-grenzung als Lösung gesetzt, drohen nicht nur neue Kriege, sondern das Ende einer lebenswürdigen Welt. Der mit zunehmender Geschwindigkeit einsetzende Klimawandel, der massive Verlust der Biodiversität, nicht zuletzt die Klimaflüchtlinge seien stellvertretend genannt. Dies ist auch Folge der Wirtschafts- und Handelspolitik, die auf Steigerung der Profite setzt. Das wissen Regierungen. Gilt resignierend der Satz von Einstein: „Es ist ein Zeichen von Wahnsinn, immer dasselbe zu tun und zu hoffen, dass etwa anderes dabei herauskommt“?

Vertrauen und Verlässlichkeit als Grundlage von Beziehungen und (nicht nur) inter-nationaler Politik wird durch die Kündigung internationaler Verträge zerstört. Das zeigt, wie gefährlich diese US-Administration ist, die eher einem Verbrechersyndikat gleicht, als einer verantwortungsvoll arbeitenden Behörde. Sitzen viele der „besten Köpfe, die eine US-Regierung je hatte“ inzwischen nur aus Versehen im Gefängnis? Anderen droht es.
 
Mir scheint, die Brisanz der Klimaentwicklung haben viele Verantwortliche auch außerhalb der USA noch immer nicht einmal annähend begriffen. Ökologie geht vor Ökonomie, denn was nützt eine profitable Wirtschaft, wenn die Luft nicht mehr zu atmen ist, eine Bestäubung u.a. von Getreide ausbleibt? Extreme Wetterlagen das Leben bedrohen? Oder ist der Schutz der Natur grundsätzlich nicht kompatibel mit dem immer noch herrschenden Kapitalismus in der Form des Neoliberalismus?
 
Wirklichkeit ist das, was wirkt. Die Welt geschieht als ein System, in dem alles mit allem zusammen wirkt. Die wahrgenommenen Wirklichkeiten sind dabei kein Einheitsbrei, sondern ein erst das Leben ermöglichendes Netzwerk wechselseitiger Abhängigkeiten. In diesem Wirken liegt der Sinn des Lebendigen. Sinn fällt nicht vom Himmel oder ist in einem Jenseits angesiedelt, sondern fragt als wahrgenommenes Wirken nach deren Bedeutung für mich. Sinn liegt im Werden und Gedeihen. Dazu brauche ich meine Sinne, d.h. vor allem mein Fühlen.
 
Wieder ein Blick zurück nach Frankreich als mein vielfältiges Erfahrungsfeld. Das Erleben „Alles ist in Allem“ traf mich unvorbereitet und konkret spürbar zu früher, stiller Morgenstunde nach dem Yoga auf dem Campingplatz Millau und setzte sich fort auf dem vollen Wochenmarkt mit vielen einkaufenden, sich drängenden, endlos Schwätzchen haltenden Menschen.
In der weiterhin bestehenden Stille war ich in Lebendes eingetaucht und Leben durchströmte mich bis in die Zehenspitzen als ein Geschmack. Mit jedem Atemzug: „Ich bin nie weg.“ Das Wahre ist „Alles in Allem“, was den Tod als notwendige Er-gänzung das Ganze des Lebens miteinschließt. Das Ganze in der Unmittelbarkeit aller Wirklichkeiten ist ganz sicher nicht machbar und doch ahnbar. Als Geschenk, so empfand ich es. Nur als Geschenk. „Wer in dieser Wahrheit lebt  - liebt“, schrieb ich später ins Tagebuch. Es gibt offensichtlich eine Wirklichkeit, die anders wirkt als die Gewohnte, Erdachte oder Definierte; eine nicht benennbare Gegenwärtigkeit, ein unmittelbares Bewusstsein von etwas Unverfügbarem, das in mich „hineinfiel““, das mir und jedem zustoßen kann. Ein Bewusstsein von „Nichts“, von der „Leere“? vom Namenlosen?
 
„Wahrheit ist, was verbindet.“ Welche Fakten und Werte gelten in einer Gesellschaft, wenn der notwendige Dialog zwischen unterschiedlichen sozialen Milieus und den politischen Lagern kaum noch gelingt? Werte müssen vorgelebt werden, doch wenn die Regierungen lügen, z.B. bezüglich ihrer Klima- und Verkehrspolitik?

Das Leichte und das Schwere im Leben fangen in der Meditation an, sich ineinander zu verwandeln, verlieren ihre festen Konturen, enthüllen geheime, unbekannte Tiefenschichten unseres Lebens. Auf diese Tiefenschichten kommt es an, denn sie tragen uns, werden zu Wegweisern.
 
So ist Meditation nach meinem Verständnis eine Revolution, denn ihr geht es nicht um möglichst langes Sitzen, um den Atem zu beobachten. Die Qualität der Medi-tation liegt nicht im wohligen Entspannen, Abschalten, Lächeln; das alles ist nützlich, doch nur eine Methode unter vielen anderen; die Qualität der Meditation liegt im Wahrnehmen der Zugehörigkeit, der Vergänglichkeit, des Sich-betreffen-lassens sowie sich der Illusion der Trennung bewusst zu werden. Wir sind nicht getrennt weder von Natur noch von Menschen, weder von der Vergangenheit noch von Gedanken an die Zukunft, sondern von allem durchdrungen; unser Hirn ist selbst beeinflusst von der Qualität der Luft, von Bakterien im Darm und getrunkenem Wein.
 
Das ist keine neue Erfindung, kein Hirngespinst, sondern ein Faktum, das es seit eh und je gibt, wie seit eh und je die Erde um die Sonne kreist. Wirklichkeit ist das, was wirkt, auch der Sauerstoff, den das Blatt produziert ist ein Faktum ohne dass wir nicht leben. Das Blatt ist Teil von uns, ungetrennt, lernte ich auf jenem Campingplatz. Im Zen heißt es deshalb: „Ist der Himmel leergeräumt ( von Vor-Urteilen, Hirngespinsten, Selbstbetrug ) erscheinen einzeln die zehntausend Dinge.“ Ich füge hinzu: alles hat seine Berechtigung, in ihrer Schönheit, Faszination, in ihrer Herausforderung; da ist nichts von Ausgrenzung zu erkennen.
 
Im letzten Jahresbrief hatte ich angemerkt, dass der erste Schritt hin zu Ausschwitz in der Setzung von Trennungen stattfindet. Um das zu verhindern, gilt es die Wirklich-keit des anderen mitzubedenken und so gut es geht, ihn auch mitzuspüren, dann erst kann ich Recht von Unrecht unterscheiden. Resonanzerfahrungen führen zu diesem „mit“ dem anderen, „mit“ der Natur, der Umwelt. 

Die Welt, der Kosmos ist nicht ein Raum, in dem wir als „Gegenstände“ mit anderen „Gegenständen“ herumschweifen, sondern es ist „unser Ort“, ohne ihn gäbe es uns nicht. So wie der Kosmos, so sind auch wir ein Ereignis, kein Ding. Seit wir leben, denken, träumen ... ist die Welt in ihren winzigsten Details in uns (Coccia) und macht uns aus. Was bedeutet es dann in dieser Welt zu leben? Kann ich dankbar und de-mütig sein, dass ich darin sein darf? Verantwortungsvoll, haftbar und gleichzeitig frei?
 
Die Umkehrung der o.a. Frage öffnete einen neuen Aspekt, nämlich „was bedeutet es für die Welt, dass es mich gibt?" Erst beides, so wurde mir klar, führt mich zur Auf-forderung: „das Leben, d.h. mein Leben zu verstehen“ und sich zum Leben zu bekennen, es zu ergreifen, nicht, um materiell „erfolgreich“ zu sein, um noch besser zu konsumieren, sondern um zu lieben. Leben ist Verschränkung, nicht Trennung. So ist unsere Geschichte länger als ein paar Tausend Jahre, sie reicht bis zum Urknall.
 
In Erweiterung eines Satzes von Albert Schweizer fand ich eine erste Antwort auf die Bedeutungsfrage in einem JVA-Seminar: „mich dankbar der Faszination des Lebens, seiner Offenheit hinzugeben“ war zwar treffend, doch mir zu passiv. „Mein Leben ist Leben inmitten von Leben, das in seiner Einzigartigkeit in Vielfalt  Leben und Lieben will und meine Teilhabe darf es so wenig wie möglich behindern“. Ich bin nicht Beob-achter einer Welt „da draußen“; die Welt als Kraft ist in mir und ich in ihr, eine mir treffendere Antwort. Daraus kann ich keine Haltung entwickeln, die kriminell macht.
Wahrheit ist, was Zukunft ermöglicht. Mutige Jugendliche in Schwaben nennen das „Enkeltauglichkeit“. Die brennende Frage bleibt: was mache ich aus meinem Leben?

Anlässlich des Geburtstages ergab sich zunächst ein fragender Rückblick fast von alleine: Was habe ich bislang daraus gemacht -in der Beziehung zu mir selbst, in der Beziehung zu anderen, gar zur Welt. Eine erste Antwort tauchte auf „Non, je ne regrette rien...“, nein, nicht bedauern, was gewesen, sondern draus lernen wollen oder als Dank feiern: „Ich möchte das Leben verstehen als ein Fest“ ist die Aufgabe, mit offenem Ausgang. Und: „Da ist noch mehr zu entdecken“ stellte ein jugendlicher Strafgefangene nach der Atem-Meditation dankbar fest. Dies verdeutlicht: jede Antwort kann nur eine vorläufige, augenblicklich gültige sein -wie die nach Heimat und Identität.
Die unüberschaubare Produktion von fake-news und deren ständige Wiederholung, auch durch die Presse, schafft neue „Wirklichkeiten“ jenseits von Demokratie, Freiheit, Rechtsstaat. Die „öffentliche Meinung“ war und ist schon immer die „veröffent-lichte Meinung“, deshalb ist stets zu fragen „wem nützt und wen schädigt sie“; „wessen Interessen werden vertreten?“ etwa von dem Geldgeber. Ohne diese Fragen verliere ich die eigene Urteilskraft.

Der Philosophen Wittgenstein „Wir fühlen, dass selbst wenn alle möglichen wissen-schaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind. Es gibt Unaussprechliches. Dies zeigt sich: es ist das Mystische.“ Mystisches, Mystik geschieht nicht jenseits der Welt, sondern findet hinter dem Bahnhof statt, sonst ist es keine (Josef Beuys). Die „normalen“ Weltgewohnheiten überschreitend, geschieht sie im tiefen Atmen mit dem wortlosen Schauen in die Weite. Das Unendliche spiegelt sich im Endlichen und umgekehrt. Das immer neu zu erfahren bedeutet für mich „der offene Raum der Stille“, in dem ein Erleben von Verbundensein und der Unverfügbarkeit einer Kraft möglich ist, die keiner berührt, der nicht kniet.
 
Und auch dabei kann ich stolpern. Angesichts dessen entdeckte ich, dass ich viele einsichtige buddhistische Sätze oft verdinglicht hatte, zum Götzen werden ließ; ihnen fehlte inzwischen das Lebendige, das Brennende. Der Geschmack des Satzes war weg. So bleibt er nur blasse Theorie. Das bedeutet: er ist nichts wert, allenfalls inter-essant für ein Thesenpapier, nicht aber fürs Leben, das es zu verstehen gilt. Diese Selbsterkenntnis beim Café crème am Mont Ventoux erschreckte und ernüchterte mich. Ja, das Erfahrene muss brennen und keine Asche sein –wie am Anfang. Wie bleibe ich Anfänger?

Erst damit verstand ich, warum ein Zenmeister sagen konnte: „nehme ich das Wort Buddha in den Mund, muss ich kotzen“. So auch der Kirchenlehrer Thomas von Aquin, Autor von ein paar hundert bedeutsamen und theologisch wirkmächtigen Schriften. Er hatte ein Erleben, aufgrund dessen er alles Schreiben abrupt beendete: „ Alles was ich geschrieben habe, war nur das Dreschen leeren Strohs“, war seine einzige Anmerkung dazu. Dann schwieg er bis zu seinem Tod.
 
Wir sind so stolz auf unsere Rationalität und doch wird sie missverstanden. Das lateinische „ratio“ heißt im ursprünglich griechischen „nuus“. Und das bedeutet: schnuppern, schnüffeln, vermuten, ahnen. Unsagbares können wir ahnen; wo Worte fehlen können wir vermuten und uns öffnen für eine umfassendere Welt ohne zu spinnen, wohl aber zu fühlen und zu schweigen. Mystiker im Christentum, Islam, Hinduismus haben es so gehalten. Das Abwesende ist anwesend - im Ahnen.

Der Leitsatz der deutschen Aufklärung müsste heute heißen: Habe Mut zu Deinen Ahnungen zu stehen und „mehr für möglich zu halten als unsere Schulweisheit uns träumen lässt“. Sobald ich dies Erfahrene „begreifen“ will, es in Be-Griffe fasse, ver-wandle ich es in einen verfügbaren Be-Sitz über den ich Macht ausübe und so wird es ein Götze. Es ist kalt, brennt nicht mehr. Wie kann man einen Duft festhalten?

 „Die Antwort auf meine Leitfragen „Was bedeutet es für mich in dieser Welt zu sein und was mache ich daraus?“ kann ich nur ahnen und jeden Tag neu suchen. Dann erkenne ich (vielleicht), dass meine Antworten immer nur Fragmente sind und bleiben können. Fragen machen uns aus, wenn sie neue Fragen stellen und nur so haben sie ihre Berechtigung z.B. die nach Sinn und Glaubwürdigkeit.

In einer schweißtreibenden Gehmeditation steile 259 Stufen bergauf in die Stadt Rodez tauchte aus der im Hinterkopf schwebenden Frage eine weitere, nüchterne Frage auf, noch dazu eine maßlose: „Wieviel von dir gibst du dem Leben?“ Ja, was gebe ich? Gebe ich überhaupt? Wie? Und wieviel ? Wem?
Ist mein Dank oder mein Vertrauen ins große Ganze ein ausreichendes Geben, glaubwürdig oder doch nur wieder Selbstbetrug? Es ist eine Aufgabe, die nicht am Schreibtisch zu erledigen ist, sondern nur im gelebten Leben, bei der „Rückkehr auf den Markt mit leeren Händen.“ In Rodez und Millau hatte ich dazu erneut einen Hinweis bekommen.. Es ist eine deutliche Weiterentwicklung der ersten Frage des „was bedeutet es für mich ...“; dort kann die Antwort noch in einer theoretischen, kalt-abstrakten, dadurch folgenlosen Antwort erstarren. Die neue Frage betrifft das alltägliche Leben, das ich ja verstehen wollte. Das Verständnis von „Verstehen“ war inzwischen zum Erleben der Verwobenheit geworden.

Es ist Nehmen und Geben als ein und dasselbe Ereignis zu verstehen. Während der Meditationen in Frankreich erinnerte ich mich, was ich erst später mit Abstand begriff, doch tatsächlich schon lange gebend tat, etwa als ich dem Justizminister ehrenamt-liche Seminare für straffällig gewordene Jugendliche anbot; auch die anderen Seminare seit meinem „Ruhestand“ zählen dazu. Zählt dazu auch, wenn ich öko-logisch wähle? Mich gegen Fremdenfeindlichkeit wehre? Wenn ich Geld spende oder später Organe? Muss ich Vegetarier werden, um glaubhaft zu sein? Was gebe ich von der Kraft zurück, die ich durch das Essen und Atmen genommen habe?
 
Wohlverstandene Meditation führt nicht nur nach Innen, sondern in die Welt und gibt Mut zum tätigen Leben. Dort geschieht Tun, aus einer als sinnig erlebten Haltung heraus. Bei einem Zwischenstopp in Pont St.Esprit spürte ich Sinn als einen körperlichen Wegweiser der Nicht-Trennung und als Entschluss zum konkreten Handeln, mein Reiseziel völlig zu ändern. Wenn sich im Endlichen das Unendliche spiegelt, schaut uns im antwortenden Handeln „das je Größere" an, das ich so wenig wie möglich stören will.
 
Sinn als ein Wirken fordert die Liebe zum ganzen, d.h. weiten Leben. Er liegt im der Bewahrung von freundlichen Beziehungen zur Welt und ihrem Gedeihen. Diese Liebe wandelt die Treue zu sich als Mensch als ein permanenter Auftrag: sich selber verstehen, um sich zu leben. Mit allen und allem anderen. Wenn das gelebte Leben mein Spiegel ist, erkenne ich mich darin. „Der Mensch ist, was er macht“ sagte J.P. Sartre. Das kann auch bitter sein, wenn die Kluft zwischen Ideal und Wirklichkeit, zwischen Sein und Schein tief ist.

Da alles zum Spiegel werden kann, heißt es deswegen im Zen: „Wenn der Schüler bereit ist, erscheint der Lehrer.“ Er erscheint im schweißtreibenden Bergaufsteigen in den Cevennen, auf dem Weg zum Frühstück mit einem Café crème und einem Croissant in Paris, Aix oder Cannes, im Bahnen eines Wegs durch den wuseligen Wochenmarkt in Millau, in der umgreifenden Stille eines Campingplatzes in Burgund, in der Weite beim Spaziergang in Vlotho. Ich darf weiter üben. Überall.
 
Gab es sonst noch etwas, was 2018 von Bedeutung war? 
Es gab den Kampf gegen den sexuellen Mitbrauch in der „me-too-Aktion“; es gab den Schülerprotest in den USA gegen Waffengesetze; den irrlichternden Seehofer; die Bayern- und Hessenwahl, den vollzogenen Parteirückzug Angela Merkels und aus der Politik; es gab immer noch den Ukraine- Russland-Krieg, den zwischen Israel und Palästina, im Jemen; den unaufhaltsamen Niedergang der SPD; eine neue CDU-Führung; Terroranschläge. Es gibt immer noch 20 Mill. Arme in Deutschland mit steigender Tendenz. Wie die Zahl der Milliardäre. Wie in Frankreich.
Dort verdient besondere Beachtung die Bewegung „gilets jaunes“, die die parlamentarische Demokratie massiv herausfordert und müsste dazu führen Politik neu zu denken, auch für Europa, das 2019 sein Parlament neu wählt.
 
Die Folgen der "gilets jaunes" sind für Frankreich, Europa und die Parteiendemokratie unabsehbar. Alle drei sind aus den Fugen geraten und hehre Ideen scheinen nicht mehr zu der Wirklichkeit des Jahres 2018 zu passen.


Ich möchte ein Ereignis nicht übergehen, das mich zunächst verunsicherte, dann erstaunte und für das ich sehr dankbar bin und mir konkret zeigte, dass doch nicht alles vergeblich war. Zum Geburtstag schenkten mir „alte“ Teilnehmer ein mir ge-widmetes Meditationsseminar mit allem, was dazu gehört: „Die Revolution der Fried-fertigen“. Von den Früchten der Arbeit zu hören, sie auch in praxi zu erleben ging mir dankbar unter die Haut und das Lob war gleichzeitig schwer erträglich. Die Erlösung war nah mit der Einsicht, dass das Geschehen in den vielen vergangenen Seminaren –von Sternberg und Hamm bis Bielefeld- stets eine Aktion des Mit- und Füreinander, des Nehmens und Gebens war. Wir wuchsen miteinander und füreinander – bis heute, wenn wir im Gespräch sind und im gemeinsamen Erleben, wenn wir uns zeigen, gerettet werden und dadurch wachsen. Wahrheit ist, was verbindet, Leben heißt Verschränkung. Liebe wandelt die Dankbarkeit in die Treue zu uns selbst. Nur dann bin ich, sind wir glaubwürdig. Für dieses Geschenk bin ich dankbar.
Rainer Maria Rilke kann treffender sagen, was mein diesjähriger Brief nur unvoll-kommen ausdrücken kann. So gelten seine Worte als eine Zusammenfassung meines 2018 und so hat er das (vor)letzte Wort:

Vor lauter Lauschen und Staunen sei still,
du mein tieftiefes Leben;
dass du weißt, was der Wind dir will,
eh noch die Birken beben.
 
Und wenn dir einmal das Schweigen sprach,
lass deine Sinne besiegen.
Jedem Hauche gib dich, gib nach,
er wird dich lieben und wiegen,
 
Und dann meine Seele sei weit,
sei weit, dass dir das Leben gelinge,
breite dich wie ein Feierkleid
über die sinnenden Dinge.
 
„Non, je ne regrette rien“ gilt, weil ich den vielen schönen und auch unschönen Situationen und Irritationen mit dem Grundsatz „mach dann mal was daraus“ be-gegnen konnte, also –wie ich jetzt weiß- ein neues neuronales Netzwerk erstellte und ich so daraus lernte. Dann gibt es kein Bedauern, auch wenn sich im Nachhinein die eine oder andere Entscheidung als falsch herausstellte.

„Wer bin ich?“: weder Wissender noch ein Guru, wohl ein lernender Anfänger auf dem Weg. Oder anders, realer und so treffend-nüchterner:  ein Regentropfen auf dem Weg zum Meer ...
 
Mögen wir auch im neuen Jahr nicht müde und träge werden für eine ökologische, solidarische, rechtsstaatliche (!), kurz: für eine enkeltaugliche Zukunft weiter zu kämpfen als Revolution der Friedfertigen.
 
Dein 
Wolfgang